Montag, 30. Januar 2006
Katja
Katja lernte ich während der Modewochen in Mailand kennen. Wendtland-Schuhe kopiert die Designs aller wichtigen Modeschöpfer. Bei den großen Modeschauen sitzen unsere Mitarbeiter in der ersten Reihe. Meine Anwesenheit bei den Shows ist nicht nötig, aber ich treffe mich hinter den Kulissen mit den Leuten von den Zuliefererbetrieben. Außerdem bespreche ich mit meinen Mitarbeitern, welche Trends wir umsetzten werden.
Hin und wieder werde ich zu einer Party eingeladen. Meistens sitze ich dann zwischen Modejournalisten, Models und anderen Menschen aus der Modeindustrie und weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Dann saß ich eines abends neben Katja, Model aus Litauen. Lange, dunkle Haare, helle Haut, große Augen. Sie fragte mich, wer ich sei, und ich sagte: "Wendtland." Sie sagte: "oooh..." und ihre Augen wurden noch größer. Katja war damals 25 und seit zehn Jahren im Geschäft: in Modeljahren gerechnet war sie bereits steinalt. Ich fand sie lustig, unterhaltsam, anschmiegsam. Wie selbstverständlich kam sie mit in mein Zimmer und in mein Hotelbett; es war nichts verkrampftes oder bemühtes oder anrüchiges dabei. Am nächsten Morgen wachte ich auf, weil sie mir ganz sanft den Schwanz lutschte. Ich dachte sofort:
1. Wendtland, du bist im Himmel
2. Wendtland, die heiratest du.

Natürlich wußte ich, daß meine Anziehungskraft auf Katja darauf beruhte, daß ich ein reicher alter Sack bin. Es ist nun mal die logische Konsequenz einer Modelkarriere, die ihren Zenit überschritten hat, einen reichen alten Sack zu heiraten. Aber ich fand, es war ein guter Plan: Katja bekam meinen Nachnamen, einen deutschen Paß, eine üppige Apanage und viele Freiheiten. Ich bekam eine schöne Frau und regelmäßigen Sex. Wir waren uns durchaus sympathisch. Nur die Parties, zu denen ich nun mehr und mehr gehen mußte, die fand ich ein wenig lästig. Wir mußten wohl ein seltsames Paar abgegeben haben: Wendtland, der alte Sack, an seinem Arm das schöne, junge Model aus Litauen. Man sah das Mitleid in den Augen der Anwesenden, aber glauben Sie mir: ich habe mir viel Mühe gegeben, damit es Katja gut geht. Sie wollte nach Paris oder Monte Carlo fliegen? Kein Problem. Sie hatte viele Freunde. Sie nahm fünf Kilo zu und hatte endlich einen kleinen Busen statt Erbsen auf einem Brett. Ich habe auch aufgepaßt, daß sie beim Sex auf ihre Kosten kommt. Zumindest bei zwei von drei Malen. Habe ihre Beine beobachtet, ob sie sich bewegen: ein untrügliches Zeichen dafür, ob eine Frau einen Orgasmus hat oder nur vortäuscht.
Es war nicht wie mit einer Nutte. Ich hab's nämlich nicht so mit den Nutten. Für Nutten bin ich irgendwie nicht abgebrüht, nicht abgestumpft genug. Wenn sie in Halbsätzen ihre schreckliche Kindheit erwähnen, wenn sie Blicke austauschen mit ihrem Zuhälter, wenn ihre Augen leer werden, während man sich auf ihnen abrackert: ehrlich, dann kann ich nicht mehr. Dann will ich nicht mehr. Ständig überlege ich mir, der wievielte Typ ich heute wohl schon bin, der sie begrabscht. Meine absolute Horrorvorstellung wäre es, mit den Managern und dem Betriebsrat ins Bordell zum ficken zu gehen. Was schlimmeres kann ich mir gar nicht vorstellen, als dieses gegenseitige Taxieren, ob man wohl Mann genug ist, um ein Unternehmen zu führen.

Katja füllte die vakante Position in meinem Leben perfekt aus. Ich dachte also, daß es ein wirklich guter Plan war, die Ehe mit ihr, und ein paar Jahre lang hat es geklappt. Dann kam der Tag, da setzte sie sich an den Eßtisch, blaß und in schwarz gekleidet, ein wenig verheult, und sagte: "Wendtland, es ist aus. Ich liebe dich nicht mehr." Als ob sie mich je geliebt hätte. Als ob das wichtig gewesen wäre. "Wendtland, ich will die Scheidung." Und ich sagte: "okay." und dann, nach einer Pause: "hast du einen anderen?". Sie empörte sich. "Nein! Nie!". Da wußte ich schon ein paar Wochen von ihm. Ich hatte es wohl irgendwie gespürt und ganz einfach einen Privatdetektiv beauftragt, der mir Bilder geliefert hatte, die ich nicht sehen wollte.
Als sie da saß, am Eßtisch, da war ich ganz erleichtert, weil - wie gesagt, ich habe nicht so viel Lust, Frauen anzufassen und mich zu fragen, wer sie wohl ein paar Stunden vor mir angefaßt hatte. Wendtland, dachte ich, du warst ganz schön blöd mit deinen tollen Plänen und durchdachten Deals, über die ich das wichtigste vergessen hatte: nur weil mir die Liebe egal ist, muß das gleiche nicht für Katja gelten. Katja hatte sich jemand gewünscht, der sie liebt. Ich hoffe, sie hat ihn gefunden. Sie hat auf jeden Fall irgendjemand gefunden. (Es ist ein alter Schulfreund aus ihrer Heimatstadt).

Ich wünsche den beiden Glück.

Den Rest haben dann die Anwälte gemacht.

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Freitag, 27. Januar 2006
Guten Tag.
Mein Name ist Wendtland. Sicher kennen Sie Wendtland-Schuhe. Das ist mein Unternehmen. Manchmal stellen mich Bekannte mit den Worten vor: "das ist Wendtland, der Schuhverkäufer". Meine Freunde sparen sich das, sie wissen, daß ich es nicht lustig finde. Aber natürlich ist es richtig. Mein Ziel ist es, den Menschen Schuhe zu verkaufen. Wenn Sie eine Tochter oder eine Freundin im Alter zwischen 14 und 22 Jahren haben, dann waren Sie mit nahezu 100% Sicherheit schon einmal in einem meiner Geschäfte. Modische Schuhe zu einem günstigen Preis sind nach wie vor unser stärkstes Zugpferd, obwohl wir natürlich auch Herren-, Kinder- und Sportschuhe führen. Mein Unternehmen macht einen Jahresumsatz von mehreren hundert Millionen Euro mit jungen Frauen, die wenig Geld haben, aber die neueste Schuhmode tragen wollen. Ich war der erste, der erkannt hat, daß man an der Qualität sparen kann. Die Schuhe werden ohnehin nur eine Saison getragen. Der Preis muß stimmen.
Demnächst werde ich meine fünfhundertste Filiale eröffnen. Pläne, nach Belgien und Polen zu expandieren, gibt es bereits.
Ich bin einundvierzig und habe gerade meine zweite Scheidung hinter mir. Scheidungen sind eigentlich gar nicht so schlimm. Das läuft alles über Anwälte, und ich habe hervorragende Anwälte.
Nur betrogen zu werden, das ist nicht so toll. Aber ein wenig verstehen kann ich sie schon.

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